Wir haben einen Leserbrief bekommen, der eine Kritik eines Artikel ist, den wir über eine Fernsehnenserie publiziert haben. Der Ton des Leserbriefs ist teilweise nicht besonders genossenschaftlich, aber wir publizieren es als einen Beitrag zur Debatte. Falls wir weitere Eingebungen bezüglich dieser Frage bekommen, publizieren wir diese gerne.
Die Andor‑Produktion ist eine bürgerliche cineastische Inszenierung, die hervorragend in das bürgerlich‑kapitalistische Narrativ passt und keineswegs einen proletarischen Klassenstandpunkt vertritt.
Deshalb widerspreche ich dem Artikel auf DVD – Er ist antimarxistisch und stellt bürgerliche Ideologie dar und ich kritisiere infolge den Autor für den vorgetragenen Rechtsopportunismus. Im Folgenden gehe ich auf die Thesen und Zitate des Autors ein und begründe meine Einwände.
Begründung
„Das zentrale Thema der Serie lässt sich allgemein als Widerstand gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit definieren und viele Geschichten und Situationen, die dort behandelt werden sind sehr offensichtlich stark von realen revolutionären und antiimperialistischen Kämpfe inspiriert. Schon George Lucas verglich seine Schlacht von Endor (Episode 6: Die Rückkehr der Jedi) mit dem Vietnamkrieg.“
Widerstand gegen „Unterdrückung“ und „Ungerechtigkeit“ sind abstrakte Begriffe, die von den konkreten Inhalten realer Kämpfe entkoppelt sind. Zwar mag es zutreffen, dass George Lucas sich in Episode 6 vom Vietnamkrieg inspirieren ließ; in der filmischen Adaption aber distanziert sich Lucas vollständig von den konkreten Zielen und Motiven dieses Krieges. Aus einem vietnamesischen antiimperialistischen Kampf für Befreiung und Sozialismus wird in Star Wars eine generische, moralische Widerständigkeit gegen unspezifische „Ungerechtigkeit“. Lucas übernimmt die Form des bewaffneten Widerstands, nicht jedoch dessen proletarischen Inhalt und Zweck. Diese Entpolitisierung ist eine bürgerliche Ideologisierung des realen Klassenkampfs. Als positives Beispiel herangezogen zeigt das, wie der Autor die Verbürgerlichung cineastischer Formen übersieht. Abstrakter „Widerstand“ gegen abstrakte „Ungerechtigkeit“ ist kein Indikator für proletarische Kultur; entscheidend ist der inhaltliche Bezug – und dieser fehlt häufig in Hollywoodproduktionen, ganz bewusst; stattdessen werden allgemein-abstrakte Werte hochgehalten.
„Ein weiterer interessanter Aspekt der Serie ist die Darstellung des imperialen Repressionsapparates. Das Imperium erscheint hier nicht nur als abstrakt „böse“, sondern erinnert stark an reale Institutionen imperialistischer Staaten, wie etwa den Geheimdienst des US-Imperialismus, die weltweit gegen den Widerstand der Arbeiterklasse und der unterdrückten Völker operieren. Verschiedene Punkte, wie die Nutzung von Propaganda und Desinformation durch Geheimdienste, interne Widersprüche und Karrierismus innerhalb des Repressionsapparats und die Dynamik der gegenseitigen Beeinflussung zwischen Widerstand und Repression werden eindrücklich dargestellt.“
Die Interpretation des Autors ist hier unpräzise. Woran bemisst er die Nähe zum US‑Geheimdienst und nicht etwa zur Gestapo, zum KGB/FSB oder zu anderen Repressionsapparaten? Wo findet sich in Andor eine explizite Bezugnahme auf die Arbeiterklasse? Über die Klasse des Proletariats wird weder gesprochen noch bildlich inszeniert. Im Gegenteil: Andor vermeidet proletarische Kategorien und bleibt bei moralischen Begriffen. An dieser Stelle lässt der Autor tief blicken, dass dieser mehr in den Film hineinsehen möchte als konkret und explizit gesagt und dargestellt wird.
Der DVD-Autor versucht anschließend jedoch ökonomische Verhältnisse anzusprechen, die dieser in Andor vorzufinden meint:
„Auch ökonomische Fragen werden indirekt angesprochen, insbesondere im Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie. Die wohlhabenden Kernwelten in Coruscant oder Chandrila stehen in starkem Kontrast zu den ausgebeuteten Randgebieten wie Ferix oder Aldani, deren Ressourcen und Arbeitskraft systematisch geplündert werden. Es wird ein Bild eines Systems gezeichnet, in dem reiche Zentren ihren Wohlstand auf der Ausbeutung abhängiger Regionen aufbauen. Um ihre Kontrolle darüber aufrecht zu erhalten, damit sie diese Gebiete weiter ausbeuten können, geht das Imperium an mehreren Stellen äußerst hart gegen die dortige Bevölkerung vor und führt auch Völkermord durch.“
Ökonomisch wird in Andor erstmal gar nichts angesprochen (im Sinne von erklärt), auch nicht indirekt. Punkt. Es fallen keine Erklärungen zum Verhältnis von Kapital und Arbeit, keine Analyse von Produktionsverhältnissen, kein Begriff von Klassenkampftheorie. „Sklaverei“ und „Ausplünderung“ werden moralisch verurteilt, nicht als Folgen bestimmter ökonomischer Mechanismen erklärt. Moralische Empörung ersetzt hier die Analyse der politischen Ökonomie, dieselbe Rhetorik, mit der bürgerliche Staaten eigene Gewaltakte historisch legitimieren. Gerade die Abstraktion auf Moral macht die Serie politisch wirkungslos im Vergleich zu einer marxistischen Kritik.
Aus jeder bloßen moralischen Anklage gegen „Ungerechtigkeit“ ist historisch Sozialdemokratie gewachsen; Andor bleibt auf dieser Ebene stehen. Filme wie Avatar kritisieren ebenfalls Folgen kapitalistischer Ausbeutung, ohne die ursächlichen ökonomischen Strukturen zu benennen. Andor reproduziert diese Tendenz: spannend und unterhaltsam mag die Serie sein, als proletarische Ideologie taugt sie nicht. Sie wiederholt sozialdemokratische Empörung und moralische Entrüstung – nicht mehr. Und noch jeder US-imperialistische Angriffskrieg wurde letztlich mit moralischer Überlegenheit gerechtfertigt. Sei es Afghanistan oder Irak: Moral ist das höchste Gut, mit dem ein Krieg gerechtfertigt wird. Aber gerade in der Abstandnahme von den realen ökonomischen Verhältnissen liegt die Wirkmacht der Moral. Insofern ist Andor genau so schlecht (oder „gerecht“) wie Colin Powell, der im Namen von Freiheit vor über 20 Jahren Massenvernichtungswaffen im Irak ausmachte und für die Freiheit einen „Befreiungskrieg“ führen wollte.
Fazit
Das Einzige „revolutionäre“ in Andor ist, dass eine Rebellengruppe gegen eine imperiale Macht kämpft. Die behauptete „Ausbeutung“ bleibt abstrakt; weder besitzen die Rebellengruppen ein theoretisches Verständnis von Kapital und Arbeit, noch wird erklärt, warum Kolonialismus entsteht oder welche ökonomischen Interessen dahinterstehen. „Ausbeutung“ und „Kolonialismus“ werden als moralische Kategorien vorgetragen, denen man sich zu widersetzen hat (noch mal: so inhaltsleer und unbestimmt, dass solche Empörung noch jeder Schandtag zugute kommt) . Marxismus hingegen fragt nach den materiellen Ursachen des Elends und leitet daraus eine klassenbewusste Praxis ab, eine Einsicht in die Notwendigkeit, die Andor nicht bietet.
Die vom Autor zitierte Einschätzung, „Dabei vertritt Luthen so etwas wie ‚die Einsicht in die Notwendigkeit‘ und steht, so wie er in der Serie gezeigt wird, für einen aufrechten Revolutionär, welcher bereit ist selbstlos jedes Opfer im Kampf für die Freiheit zu bringen„,
ist entsprechend fehlplatziert und missverstanden: Es fehlt in der Serie jede Einsicht in die materiellen Grundlagen der Ausbeutung, mithin eben jene Einsicht in die Notwendigkeit, die der DVD-Autor vermutlich nicht verstanden hat. Statt einer klassenanalytischen Notwendigkeit bietet Andor moralische Empörung, dieselbe Rhetorik, mit der bürgerliche Staaten Kriege rechtfertigen (s.o.).
Andor ist hoch moralisch und zugleich antiproletarisch. Die Serie nimmt Abstand von marxistischer Kritik, ignoriert ökonomische Ausbeutung und verklärt die Lage moralisch. Dadurch bleibt sie in der bürgerlichen Sphäre, für Sozialdemokraten und Gewerkschafter leicht anschlussfähig, für eine proletarische Kultur hingegen unbrauchbar. Sie gehört eher zum Spielberg‑Typ Hollywood‑Kinos als zur traditionsreichen, klassenbewussten Filmästhetik eines Eisenstein; sie reiht sich eher in die Kategorie Blackhawk Down oder Missing James Ryan als Panzekreuzer Potemkin ein.
Technisch und künstlerisch mag die Serie überzeugen – wie der Autor schreibt:
„Im Fazit lässt sich sagen, dass Andor in vielerlei Hinsicht eine gute Serie für eine Hollywood-Produktion ist. Künstlerisch gehört sie wohl zu den besten Produktionen des Franchise, auch wegen der Leistungen der Schauspieler, der Erzählweise und der Tiefe der Charaktere, der Kameraführung oder den Soundeffekte, welche eine mitreißende Atmosphäre erzeugen. Besonders die Monologe sind eine große Stärke der Serie.“
Politisch jedoch irrt der Autor fundamental. Andor ist „schön“ anzusehen, aber antiproletarisch.




