Kritik der Kritik der Kritik – oder: wie man mit Phrasen Blendwerk betreibt

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Kritik der Kritik der Kritik – oder: wie man mit Phrasen Blendwerk betreibt

„Nie hat eine Schule mehr als die Proudhonsche mit dem Wort ‚science‘ um sich geworfen, denn ‚wo Begriffe fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein‘.“ – Karl Marx, Das Kapital, Bd. I (MEW 23), Fußnote 24

Marx hat das über die Proudhonisten geschrieben, und es trifft die Antwort, die ich hier bekommen habe, Wort. für. Wort. Wo der Begriff fehlt, springt das Wort ein. Wo das Argument fehlt, springt das Zitat ein. Mein „Kritiker“ hat Lenin aufgeschlagen, eine Handvoll schöner Stellen herausgeschrieben, sie aneinandergereiht und meint damit geantwortet zu haben. Geantwortet hat er nicht. Er hat sich vorgestellt. Danke dafür.

Das ist keine Kleinigkeit, sondern der ganze Streit in nuce. Ich hatte einen inhaltlichen Vorwurf erhoben: Andor stellt Unterdrückung moralisch dar, statt sie ökonomisch zu begreifen. Auf einen inhaltlichen Vorwurf kann man inhaltlich antworten. Man kann ihn widerlegen. Stattdessen bekomme ich die korrekt deklinierte Nomenklatur des MLM, fünf Lenin-Zitate am Stück, zwei Verweise auf bürgerliche Zeitungen und die mehrfach wiederholte Beteuerung, der Verfasser stehe selbstverständlich auf der richtigen Seite. Schön für ihn und sein Gewissen. Über meinen Einwand erfahre ich nichts.

Gehen wir seine Sätze der Reihe nach durch.

Andor ist fortschrittlich“ – die These, die sich für ein Argument hält

„‚Andor‘ ist eine fortschrittliche Serie und wenn man es ‚hart‘ marxistisch ausdrücken will, ein Ausdruck davon das die Strategische Offensive der Proletarischen Weltrevolution … auch seinen Wiederhall innerhalb der etablierten, d.h. bürgerlichen Kulturkreise a la Hollywood findet.

Das ist der erste Satz, mit dem der Kritiker zur Sache kommt, und es ist kein Satz zur Sache, sondern eine Behauptung, an deren Anfang gestellt, was am Ende erst herauskommen müsste. Dass Andor fortschrittlich sei, soll bewiesen werden. Stattdessen wird es vorausgesetzt und mit einer welthistorischen Vokabel („Strategische Offensive der Proletarischen Weltrevolution„) geadelt. Das ist keine Beweisführung, das ist eine Weihe. Man ersetze „Andor“ durch „die neue Staffel von The Mandalorian“ oder durch ein beliebiges Disney-Produkt, und der Satz funktioniert genauso reibungslos. Ein Argument, das auf alles passt, beweist nichts.

Vor allem aber bleibt der Kritiker den entscheidenden Schritt schuldig: warum sich die „strategische Offensive der Weltrevolution“ (Diskussion über die Richtigkeit der Aussage mal ausgeklammert) ausgerechnet in dieser Serie spiegeln müsse oder solle. Behauptet wird eine Notwendigkeit, belegt wird nichts. Mit derselben Geste ließe sich das genaue Gegenteil ausdenken: dass die Reaktion nämlich ein solches Produkt in die Welt setzt, gerade um die revolutionäre Stimmung der Zeit aufzufangen, abzufedern und in einen ungefährlichen, gut verkäuflichen Heldenkitsch umzulenken, die Empörung mitzunehmen und ihr die Spitze abzubrechen. Diese „Spiegelung“ ist exakt so gut behauptet wie die andere und exakt so schlecht belegt. Wer aus der bloßen Existenz einer Serie auf den Gang der Weltgeschichte schließt, betreibt Kaffeesatzleserei und nennt sie Klassenanalyse.

Der falsche Lenin

die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler … Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen.“ – Karl Marx, Einleitung Kritik zur Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 380 f.

Das Herzstück der Replik ist eine Reihe von Zitaten aus Lenins Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus. Sie sollen belegen, dass ich von der „reinen Lehre“ und einem „roten Ideal“ ausgehe, dass ich nicht „alle Klassenkräfte nüchtern abwäge„, dass ich nicht begreife, „selbst die kleinste Möglichkeit auszunutzen, um einen Verbündeten zu gewinnen„.

Hier muss man genau sein, und genau sein ist die ganze Kunst. Wovon handelt diese Schrift? Lenin schreibt 1920 gegen die Ultralinken in der westeuropäischen kommunistischen Bewegung. Der Streitgegenstand ist die politische Taktik: Sollen Kommunisten in reaktionären Gewerkschaften arbeiten? In bürgerlichen Parlamenten kandidieren? Kompromisse und Bündnisse mit unzuverlässigen Kräften eingehen? Lenins Antwort lautet: ja, überall dort, wo die Massen sind, auch im Dreck, auch mit schwankenden Verbündeten. Es ist eine Schrift über das Handeln einer Partei in der wirklichen Arbeiterbewegung.

Mein Vorwurf an Andor ist keine Frage der Bündnistaktik. Ich plane kein Bündnis mit einer Fernsehserie. Ich habe nicht gefordert, Gilroy aus der Einheitsfront auszuschließen. Ich habe ein Kunstwerk beurteilt – nach seinem ideologischen Gehalt. Der Kritiker nimmt eine Schrift über das eine und wirft sie auf das andere. Das Zitat ist nicht falsch, es ist deplatziert. Es beantwortet eine Frage, die ich nicht gestellt habe.

Und jetzt kommt das Schöne. Es gibt eine marxistische Linie, die genau meine Frage behandelt, wann ein Kunstwerk fortschrittlich ist, auch gegen die Absicht seines Urhebers. Nur ist es nicht der Linke Radikalismus. Es ist Engels über Balzac und Lenin über Tolstoi.

Engels schreibt 1888 an die Romanautorin Margaret Harkness über Balzac, Royalist, Legitimist, erklärter Reaktionär. Und gerade gegen dessen politische Sympathien lobt er ihn: Balzac sei gezwungen gewesen, gegen die eigenen Klassensympathien und Vorurteile anzuschreiben, er habe „die Notwendigkeit des Untergangs“ seiner geliebten Adligen gesehen und die wirklichen Menschen der Zukunft dort erkannt, wo sie für den Augenblick allein zu finden waren, bei den republikanischen Helden. Das halte er, schreibt Engels, für „einen der größten Triumphe des Realismus“. Entscheidend ist, wofür das Lob gilt: nicht für Sympathie, nicht für gute Absicht, sondern dafür, dass das Werk die wirkliche ökonomische und klassenmäßige Bewegung der Gesellschaft bloßlegt – und das am stärksten dort, wo es das gegen die Weltanschauung seines Urhebers tut.

Lenin verfährt mit Tolstoi genauso. In Leo Tolstoi als Spiegel der russischen Revolution (1908) zergliedert er die „schreienden Widersprüche„: auf der einen Seite „nüchternster Realismus, Herunterreißen jeglicher Masken“, auf der anderen die „Predigt eines der abscheulichsten Dinge, die es überhaupt auf der Welt gibt, nämlich der Religion“. Tolstoi taugt als Spiegel der Revolution, sofern er „die ganze Tiefe der Widersprüche“ zwischen wachsendem Reichtum und den „Qualen der Arbeitermassen“ enthüllt, und er versagt genau dort, wo er ins moralisch-religiöse Predigen kippt. Das ist der Maßstab, und es lohnt, ihn ganz scharf zu fassen. Nicht: Sympathisiert das Werk mit den Unterdrückten? Sondern: Reißt es die Masken herunter und legt es die materiellen Verhältnisse frei?

Hier ist also genau das Argument, das mein Kritiker gegen mich gebraucht hätte: Ein Werk kann fortschrittlich sein, ohne dass sein Autor den Marxismus verstanden hat. Gilroy muss Lenin nicht verstehen – das ist richtig, und ich habe nie behauptet, er müsse. Aber Engels und Lenins Maßstab ist nicht „der Künstler sympathisiert mit Revolutionären“ und auch nicht „der Künstler hat von einem echten Aufstand abgekupfert“. Ihr Maßstab ist: Das Werk legt die materiellen, klassenmäßigen Verhältnisse offen! Balzac zählt, weil er die Ökonomie der Restauration bloßlegt, nicht weil er sie betrauert.

Damit dreht sich die ganze Sache um. Wer Andor mit der Balzac-Tolstoi-Linie verteidigen will, schuldet mir den Nachweis, dass die Serie das Gesetz der Ausbeutung sichtbar macht – nicht bloß ihre Bilder. Genau diesen Nachweis bleibt der Kritiker schuldig. Er hat den berühmten Lenin aufgeschlagen statt des einschlägigen, und der einschlägige verlangt von ihm exakt das, was er nicht liefert. Das ist Form über Inhalt in Reinkultur: das große Zitat statt des passenden.

Der Bankraub, „The Hindu“ und die Kunst des Danebenredens

Schon die erste Aktion der Rebellen … ist einem legendären Bankraub von Genosse Stalin in Tiflis nachempfunden.“

Stimmt. Gilroy hat das selbst gesagt. Nur sagt er im selben Interview zwei Dinge, die der Kritiker zu zitieren vergisst: „We’re not doing the Stalin show – und seine Begeisterung galt erklärtermaßen dem Aussehen: Der junge Stalin sei doch glamourös, er sehe aus wie Diego Luna. Das ist die Sache auf den Punkt gebracht. Was Gilroy am Tiflis-Raub reizt, ist das Glamouröse, das Dramatische, das Gesicht. Er nimmt den Revolutionär als Kostüm. Genau diese Verwandlung von Politik in Pose habe ich kritisiert. Der Beleg des Kritikers ist mein Beleg. Hat er gehofft ich prüfe seine Quellen nicht? 

(https://www.slashfilm.com/1097109/the-real-life-robbery-that-inspired-andors-big-heist-storyline/)

Und dann die Zeitungen. The Hindu sehe in Luthen und Cassian Lenin und Stalin, andere bürgerliche Blätter auch. Was beweist das? Dass bürgerliche Redakteure gern Lenin hineinlesen. Über den Inhalt der Serie sagt es nichts. Es ist das reine Autoritätsargument, nur dass die Autorität diesmal die bürgerliche Presse ist, ausgerechnet. Wenn überhaupt, spricht es gegen die These: Eine „Revolution“, die das Feuilleton des Establishments derart bruchlos goutiert, ist offenbar bekömmlich genug, um den Magen der Bourgeoisie nicht zu verderben.

Man sieht hier ein Muster. Auf jeden meiner Einwände antwortet der Kritiker nicht mit einem Gegenargument, sondern mit einem Herkunftsnachweis(!): woher die Serie sich inspiriert hat, wer sie wie gelesen hat. Inspiration ist aber kein Inhalt! Auch die Nazis fanden manches an den Kommunisten beeindruckend und haben es übernommen, die Fackelzüge etwa. Macht das den Inhalt ihrer Ideologie richtiger? Die Frage stellen heißt sie beantworten. Woraus ein Werk schöpft, sagt noch nichts darüber, was es ist.

Lebensecht ist nicht dasselbe wie begriffen

Aber dafür schafft Andor trotz seiner Produktionsherkunft doch sehr klar die Umstände eines Aufwachsens unter den tiefsten und breitesten Massen und die Rebellion eben dieser Menschen lebensecht darzustellen.“

Hier liegt der eigentliche Denkfehler des Kritikers offen, und er ist es wert, festgehalten zu werden, weil er die halbe marxistische Bewegung befällt: Er hält die Darstellung eines Sachverhalts für seinen Begriff. Ja, Andor zeigt das Lager auf Narkina 5, die Plünderung von Ferrix, die Enteignung ganzer Landstriche. Es zeigt sie lebensecht, eindringlich, gut gespielt. Nur ist ein eindringliches Bild der Ausbeutung noch keine Analyse der Ausbeutung. Die Serie kennt das Lager, aber nicht das Gesetz, das Lager hervorbringt. Sie zeigt die Plünderung als Untat böser Männer in Uniform, nicht als notwendige Form eines Verhältnisses von Kapital und Arbeit. Sie führt das Elend vor und schweigt über seinen Grund. Das ist Moralisieren statt Beurteilen, Idealismus statt materialistischer Kritik. Das begreift der Autor einfach nicht.

Und genau das ist der Maßstab zugleich, den Engels an Balzac und Lenin an Tolstoi angelegt haben: nicht ob ein Werk Leid vorführt, sondern ob es die materiellen Verhältnisse bloßlegt. „Lebensecht“ reicht dafür nicht; lebensecht ist jede gut gemachte bürgerliche Tragödie. Wer die Differenz zwischen Darstellung und Erklärung einzieht, kann jeden Spielfilm zum Lehrstück erklären, in dem irgendwo ein Armer leidet. Das ist kein Marxismus, das ist Rührung mit rotem Anstrich.

Moral“ – der Strohmann

Versteht eben jener Genosse Kritiker nicht das Moral sehr wohl eine Kategorie ist, auf die wir uns beziehen, da wir in der Tat eben nicht kalte Roboter sind.“

Hier baut der Kritiker seinen größten Strohmann. Er tut so, als hätte ich die Moral als solche verworfen, als wäre ich der kalte Roboter, der dem warmen Menschen die Empörung über das Verbrechen austreiben will. Davon war nie die Rede. Mein Gegenstand ist der bürgerliche Moralismus: das abstrakte Gut-gegen-Böse, das sich von den materiellen Verhältnissen löst und gerade in dieser Ablösung seine ideologische Wirkmacht gewinnt. Dass es daneben eine proletarische Moral gibt, kann schon sein, ist aber sicherlich ein anderer Diskussionsgegestand aber hier überhaupt nicht von Belang. Er beantwortet nämlich nicht meinen Satz, sondern den, den er gern gelesen hätte. Ich greife den bürgerlichen Moralismus an. Und hier hilft Marx gegen Proudhon, mein eingangs zitierter Gewährsmann. Marx ganzer Bruch mit Proudhon bestand darin, das Moralisieren („Eigentum ist Diebstahl“) zu verwerfen, weil die Ungerechtigkeit der Welt eben keine Folge unmoralischen Handelns ist, sondern eines Verhältnisses. Wer Ausbeutung als Schurkenstück erzählt, bleibt Proudhonist: empört, wortreich, und ohne Begriff.

Das ist mein Vorwurf an Andor, exakt formuliert, und der Kritiker hat ihn mit keinem Satz berührt. Wenn er meint, mein Begriff von Moralismus sei falsch, dann möge er erklären warum, und nicht bloß seinen eigenen danebenstellen und für richtiger erklären. Das wäre dann Inhalt. Das wäre die Mühe, die er sich nicht macht.

Die Massen als Schutzschild

Bleibt der Ton. Der Kritiker zeigt sich „angewidert“ („widerwärtig“, wortwörlich), spricht von „unter aller Sau“ und wirft mir vor, ich verharmlose mit meinem Vergleich die realen Verbrechen in Westasien und stünde damit den „ernsthaften, mit den Massen verbundenen Revolutionären“ nicht. In dieser Empörung stecken zwei Behauptungen, und beide halten nicht.

Erstens: habe ich Andor nirgends mit dem Irakkrieg gleichgesetzt. Ich habe eine Form mit einer Form verglichen: die abstrakte moralische Überlegenheit, mit der die Serie ihre Rebellion adelt, und dieselbe abstrakte Moral, mit der reale Angriffskriege verkauft werden. Der Vergleich zweier Rechtfertigungsweisen ist keine Gleichsetzung zweier Taten in ihrem Gewicht. Der Kritiker liest einen Punkt über ideologische Form als einen Punkt über moralisches Ausmaß und empört sich dann über seine eigene Fehllektüre. Pikant ist dabei, wer hier wen benutzt: Es ist der Kritiker, der die wirklichen Toten Westasiens und Gazas als rhetorische Verstärkung aufbietet, um eine Disney-Serie zu verteidigen. Reale Opfer zum Schutzschild eines Streaming-Produkts zu machen: das wäre der Punkt, an dem man von Verharmlosung reden müsste!

Zweitens: der eigentliche Trick: Ich müsste, so der Kritiker, mit meinem „roten Ideal“ am Ende auch die unreinen, moralisch oder religiös motivierten Kämpfe der Massen verurteilen, die Proteste gegen den Völkermord, den Widerstand „mit dem Koran in den Händen“. Das ist ein Kategorienfehler, und ein durchsichtiger. Ich beurteile keinen Massenkampf, ich beurteile ein Drehbuch von Tony Gilroy für Disney! Die Massen sind nicht Gilroys Drehbuch. „Die Rebellion ist gerechtfertigt“, natürlich, vorbehaltlos, und wirkliche Aufstände brauchen kein Reinheitszertifikat. Nur ist das ein Satz über reale Kämpfe und kein Satz darüber, ob eine Serie (!) über einen erfundenen (!) Aufstand proletarische Kunst sei. Der Kritiker schmuggelt die Legitimität des wirklichen Kampfes herüber, um ein Kulturprodukt zu decken, als wäre die Kritik am Produkt eine Kritik an den Massen. Sie ist es nicht!

Und nun das Schöne, wieder mit Engels. Im selben Brief an Harkness lobt er nicht nur Balzac, er tadelt die sozialistische Autorin. Ihr Roman zeige die Arbeiter zu passiv, bloß als Erleidende, nur „die passive Seite des Arbeiterlebens“, und nicht in ihrem Kampf. Genau das ist der materialistische Maßstab: Das Werk soll die Massen aktiv und in der Bewegung ihrer wirklichen Verhältnisse zeigen, nicht als rührenden Gegenstand des Mitleids! Wer das mehr verlangt, verachtet die Massen nicht, er nimmt sie ernst, und genau das tue ich. Herablassend ist die andere Haltung, die, die sich mit dem moralischen Mitleidsbild zufriedengibt und es schon für Revolution hält. Lenins Spott, nebenbei, galt nicht den Kämpfenden, sondern dem moralisierenden „Jammerlappen“, der sich öffentlich an die Brust schlägt und von sittlicher Selbstvervollkommnung redet. Auf welcher Seite dieser Trennlinie Andor steht, möge der Kritiker selbst beantworten.

Die hohle Phrase von der „reinen Lehre“

Bleibt der Vorwurf, ich beurteile Andor von der „reinen Lehre“, vom „roten Ideal“, von einer „roten Identitätspolitik“ aus. Das klingt nach einer Diagnose, ist aber nur ein Etikett. Wenn Lenins Warnung vor dem Übertreiben einer Wahrheit greifen soll  („jede Wahrheit kann man, wenn man sie übertreibt, ad absurdum führen“), dann müsste der Kritiker zeigen, welche wahre Einsicht ich übertrieben habe und wo. Genau das tut er nicht. Ich habe keine abstrakten Reinheitsforderungen erhoben. Ich habe konkrete Widersprüche an einem konkreten Artikel benannt: Darstellung statt Analyse, Moral statt Ökonomie, Empörung statt Begriff. Darauf antwortet man nicht mit einer Vokabel. „Reine Lehre“ ist hier das Wort, das einspringt, wo der Begriff fehlt. Es mangelt an Erklärung und Argumenten. Punkt.

Der Rechtsopportunismus – mal ganz sachlich

Der Kritiker eröffnet seine Replik zudem damit, den Vorwurf des Rechtsopportunismus als „Subjektivismus“ und „Arroganz“ abzutun; man solle „die Kirche wirklich im Dorf lassen„. Nehmen wir den Ton heraus und prüfen die Frage nüchtern, nach Maos eigenen Maßstäben. Dann zeigt sich: Der Vorwurf ist keine Beschimpfung, sondern eine zutreffende Einordnung, an zwei Punkten.

Erstens die Einheitsfront: Der Kritiker argumentiert durchweg von der Bündnisseite her: Gilroy sei „ein Verbündeter„, das „Serienprodukt“ werde „uns sehr gut nutzen können„, und scharfe Kritik drohe „jede Frontarbeit im Volk“ zu „verunmöglichen„. Mao hat zu dieser Haltung das Nötige gesagt. Sein Kurs lautete: „Unabhängigkeit und Selbständigkeit in der Einheitsfront, sowohl Einheit als auch Unabhängigkeit.“ Die Losung „Alles durch die Einheitsfront“ hat er ausdrücklich verworfen; man dürfe die Front nicht zerstören, sich aber auch nicht „selbst die Hände binden“. Wer die Selbständigkeit des Proletariats der Breite des Bündnisses opfert, begeht eben den Fehler, den Mao am Kapitulantentum eines Tschen Du-hsiu festmachte. Genau das geschieht hier im Kleinen: Der Kritiker behält die eine Hälfte: vereinige dich, gewinne Verbündete – und wirft die andere weg – wahre den eigenen, unabhängigen Standpunkt und übe Kritik. Die selbständige proletarische Kritik an einem bürgerlichen Kulturprodukt wird ihm zur Bedrohung der Front. Einheit ohne Selbständigkeit: das ist der Inhalt des Rechtsopportunismus, nicht mehr und nicht weniger.

Zweitens der Liberalismus: „Die Kirche im Dorf lassen“, das ist beinahe wörtlich die erste Erscheinungsform, die Mao in Gegen den Liberalismus beschreibt: zu wissen, dass etwas im Unrecht ist, und sich „um des lieben Friedens … willen“ doch nicht prinzipiell damit auseinanderzusetzen, „die Frage nur flüchtig“ zu streifen, „ohne ihre gründliche Lösung anzustreben„. Mao klassifiziert das ohne jede Schärfe: „Der Liberalismus ist eine Äußerung des Opportunismus und gerät von Grund auf in Kollision mit dem Marxismus„; er sei „etwas Negatives“ und helfe „objektiv dem Feind„. Und er beschreibt den Typus genau, Leute, von denen es heißt: „Sie führen den Marxismus im Mund, handeln aber im Sinne des Liberalismus.“ Treffender lässt sich eine Replik kaum fassen, die Lenin zitiert und zugleich die bürgerliche Botschaft eines Kulturprodukts unbeanstandet durchgehen lässt.

Damit ist nichts „subjektiv“ und nichts „arrogant“ behauptet, sondern schlicht eingeordnet. Punkt. Maos Linie ist real, „die Rebellion ist gerechtfertigt“, vereinige alle, die zu vereinen sind, doch sie hat stets zwei Hälften: Einheit und (!!) Kampf, Bündnis und (!!) Selbständigkeit. Wer nur die erste nimmt, steht rechts. Der Kritiker nimmt nur die erste. Der Vorwurf, den er als Subjektivismus abtat, ist damit nicht entkräftet, sondern präzisiert und bestätigt.

Fazit

Der Kritiker hat alle großen Namen genannt und sehr korrekt die Nomenklatur durchdekliniert. Er hat sich und seinen Lesern versichert, auf der richtigen Seite zu stehen („Marxismus-Leninismus-Maoismus, Gonzalodenken“ und zahlreiche bedetungsschwangere Zitate eingebaut. Bravo, Glanzleistung) Was er nicht getan hat: ein einziges meiner Argumente aufzunehmen und zu widerlegen. So haben wir durch seine „Kritik“ mehr über ihn gelernt – über seine „Belesenheit“, seine Empörung, sein Bild davon, wie der Marxismus sein sollte – als über das, woran er sich an meiner Kritik eigentlich stört.

Und falls diese Antwort spöttisch klingt: Das liegt daran, dass mir auf eine Zitatwand kaum mehr als Spott einfällt. Lenin war es übrigens auch oft, und er wusste, wozu. Der sicherste Weg, eine Idee zu diskreditieren, schreibt er im Linken Radikalismus, sei, sie ad absurdum zu führen, während man sie verteidigt. Der Kritiker hat das mit dem Marxismus getan: Er hat ihn verteidigt, indem er ihn zur bloßen Zitatkunde gemacht hat. Lenin aufschlagen und Stellen abschreiben kann jeder. Den Gehalt der Stellen auf einen Gegenstand anzuwenden, das ist die Leistung, und das ist genau die Mühe, die sich der Kritiker erspart hat.

Oder, um es mit dem „großen Marxisten“(Achtung, Sarkasmus) Karl Held zu sagen: mach doch mal ein Argument draus. Und versteck dich nicht hinter schön klingenden Phrasen.

Gezeichnet, ein Genosse, dem es um Inhalt geht und der sich von Namen und Zitaten nicht blenden lässt.

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