Mit der Lehre von Marx geschieht jetzt dasselbe, was in der Geschichte wiederholt mit den Lehren revolutionärer Denker und Führer der unterdrückten Klassen in ihrem Befreiungskampf geschah. Die großen Revolutionäre wurden zu Lebzeiten von den unterdrückenden Klassen ständig verfolgt, die ihrer Lehre mit wildestem Ingrimm und wütenstem Haß begegneten, mit zügellosen Lügen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen. Nach ihrem Tode versucht man, sie in harmlose Götzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem Namen einen gewissen Ruhm zu zur „Tröstung“ und Betörung der unterdrückten Klassen, wobei man ihre revolutionäre Lehre des Inhalts beraubt, ihr die revolutionäre Spitze abbricht, sie vulgarisiert. Bei einer solchen „Bearbeitung“ des Marxismus findet sich jetzt die Bourgeoisie mit den Opportunisten innerhalb der Arbeiterbewegung zusammen. Man vergißt, verdrängt und entstellt die revolutionäre Seite der Lehre, ihren revolutionären Geist. Man schiebt in den Vordergrund, man rühmt das, was für die Bourgeoisie annehmbar ist oder annehmbar erscheint. Alle Sozialchauvinisten sind heutzutage „Marxisten“ – Spaß beiseite! Und immer häufiger sprechen deutsche bürgerliche Gelehrte, deren Spezialfach gestern noch die Ausrottung des Marxismus war, von dem „nationaldeutschen“ Marx, der die zur Führung des Raubkrieges so glänzend organisierten Arbeiterverbände erzogen haben soll!“ (Lenin, Staat und Revolution)

Im erstem Kapitel von Staat und Revolution echauffiert sich Lenin über sogenannte Marxisten, die nach Marx Tod sein Andenken entstellen und ihn zum zahnlosen Reformpolitiker herabwürdigen. Was Lenin ehemals über Karl Marx schrieb kann ohne jede Abänderung auch für das Nachbild von Friedrich Engels gelten, wie an folgendem Beispiel veranschaulicht wird.

In einem Essay im SPIEGEL mit dem bedeutungsschwangeren und hochtrabend-selbstverliebtem Titel „Das Bürgertum ist der Motor der Systemveränderung“ schreibt der bürgerliche Grünenpolitiker Uwe Schneidewind zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels eine Zusammenfassung über dessen Leben und Nachwirken, und meint uns erschließen zu können, was von Engels für die Nachwelt an wichtigen Erfahrungen übrig bleibt. Wollen wir mal schauen, was das Bürgertum so gutes über Engels zu sagen hat.

Der Vollständigkeit halber geben wir das gesamte Essay Abschnittsweise wieder. Der Leser hat also die Möglichkeit alles direkt anhand der Quelle das kritisierte selbst zu überprüfen.

 

Kleines Vorwort


Die Geschichte der Partei die Grünen, dem der Uwe Schneidewind angehört. Gleich der SPD traten die Grünen an unter der vorgeblichen Prämisse die Arbeiterschaft zu vertreten. Ebenfalls gleich der SPD waren sie jedoch genau so korrumpiert und warfen innerhalb weniger Jahre alle angeblichen revolutionären Ideale über Bord, um ein wenig bürgerliche Macht in ihren Händen konzentrieren zu können.

Während die Sozialdemokraten ihren offenen Bruch mit der proletarischen Revolution in der Zustimmung zu den Kriegskrediten für den ersten imperialistischen Weltkrieg ihrer heimischen Bourgeoisie vollzogen, lag der offene und radikale Bruch der Partei die Grünen in der Zustimmung zum ersten imperialistischen Angriffskrieg nach dem Sieg über den Hitlerfaschismus 1945, als die Rot-Grüne-Regierung unter Gerhard Schröder 1999 ihre Zustimmung zum Kosovokrieg gab und den Einsatz von Bundeswehr Kampftornados ermöglichte. Joschka Fischer, damals Bundesminister des Auswärtigen, warb mit widerwärtigen Auschwitzvergleichen (also angebliche Alternativlosigkeit) für einen schnelle Angriffskrieg „Der Kosovo-Krieg war der erste Krieg an dem sich Deutschland nach 1945 aktiv beteiligte und er war einer der ersten Kriege, der mit einer humanitären Begründung von einer Regierungskoalition unter Beteiligung der Grünen geführt wurde. Der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer hatte sich in seiner Rede auf dem Kosovo-Sonderparteitag der Grünen am 13. Mai 1999 zu einem Faschismus-Vergleich verstiegen, der keineswegs nur von Linken kritisiert wurde.“

 

I

 

Die vorherrschende Engels-Rezeption verliert sich oft in zwei Extremen: Auf der einen Seite gibt es den orthodoxen kapitalismuskritischen Zugriff auf Engels Arbeit. Es wird dann darum gestritten, wo und in welchem Umfang die damals formulierte Kapitalismuskritik weiter gültig ist. In der Regel verlassen diese Diskussionen die Blasen ausgewählter wissenschaftlicher Zirkel nicht. Auf der anderen Seite der Engels-Rezeption existiert eine ausgeprägte Berührungsangst mit der politischen Dimension des Werks von Marx und Engels. Dies ist verständlich angesichts der Erfahrungen mit den sozialistischen und kommunistischen Realexperimenten im 20. Jahrhundert. Die Folge ist eine Flucht in die schillernde Vielschichtigkeit der Person Friedrich Engels: der Textilfabrikant und sozialistische Autor, der polyglotte Herrenreiter und Straßenkämpfer, der Frauenheld und treue Freund. Doch jenseits dieses letztlich historisierenden Zugriffs liefert Friedrich Engels mit seinem Denken und Wirken durchaus auch Orientierung für aktuelle Herausforderungen einer Gesellschaft im Umbruch. Zwei davon scheinen besonders interessant.“

 

Der bürgerliche Akademiker Schneidewind macht aus Friedrich Engels ein Erfolgsmodell aus dem Bürgertum: „Friedrich Engels gilt als Revolutionär und Vordenker des Sozialismus – und vielen schon deshalb als Figur von vorgestern. Dabei zeigt er etwas anderes: Erfolgreiche Systemkritik kommt oft aus dem Bürgertum.“

Vom Standpunkt des Proletariats ist etwas erfolgreich, wenn es der proletarischen Sache (der proletarischen Revolution) dienlich oder förderlich ist. Vom Standpunkt der Bourgeoisie ist etwas erfolgreich, wenn es den Status quo stabilisiert oder gar Rückschritte in reaktionärere Zeiten ermöglicht. Schauen wir uns an, was die Grünen an Engels also Erfolgreiches zu sehen vermögen.

Perfide versucht der Autor zunächst Engels aufzuteilen in einen guten, also für die bürgerlichen annehmbare Teil, und einen „orthodoxen“, extremistischen. Dabei wird der extremistische Part freilich mit „Kapitalismuskritisch“ gleichgesetzt und negiert völlig die zusammenhängende Essenz von Engels Gesamtwerk, dass Engels letztlich alle seine Arbeitim Dienste seiner Klasse ableistete, und der Kampf gegen die Ausbeutung nicht eine von zwei Seiten sei, sondern das zentrale Moment in Engels Leben darstellt. Dabei darf infolge natürlich nicht die Totschlagkeule der Bourgeoisie fehlen. Die realexistierende Sozialismus hätte letztlich ohnehin bewiesen, dass man von Engels nur seine gute Seite ernst nehmen dürfe, denn all der „kapitalismuskritische Quatsch“ führte in Tod und Elend, wie man ja überall gesehen hätte. Herausgeklaubt werden nur noch seine persönlichen Charaktereigenschaften: Charismatisch, kämpferisch und treu. Dies, und seine hervorragenden empirischen Sozialforschungen machen aus Engels einen großen Denker (Akademiker). Für mehr tauge Engels hingegen heute nicht mehr.

Der elementare Satz in Schneidewinds „Analyse“ jedoch ist, dass Engels Kapitalismuskritik im Besonderen (und Kapitalismuskritik im Allgemeinen) angeblich die „Blasen ausgewählter wissenschaftlicher Zirkel nicht“ verlassen würden, so, als gäbe es schlicht keine Volkskriege unter dem Banner des Kommunismus in Peru, Indien, Türkei und den Philippinen und mithin keine Kommunistischen Parteien die sich die Emanzipation des Proletariats auf die Waffen geschrieben haben. Entweder er weiß davon wirklich nichts und meint allen ernstes, dass die Kritik von Engels nur debattiert anstatt angewandt würde, dann macht betreibt er schlechte Recherche und lebt selbst ausschließlich in der von ihm angemahnten „Blase ausgewählter wissenschaftlicher Zirkel“ und lernte nie den Blick in das wahre Leben der Arbeiterklasse zu werfen, oder aber er weiß um die Kämpfe auf der Welt, die den Namen Marx und Engels in Ehren halten, gibt aber vor, nichts davon zu wissen um sie unbedeutend zu halten. Dann wäre das Lupenreiner Opportunismus und der der Autor der Geschichtsverdrehung überführt. Aber gleich welche der zwei Option hier einschlägig ist: schlecht steht es um Schneidewind allemal als bürgerlichen „Engelskenner“.

 

II

 

Die Beziehung von Wissenschaft und Politik. Was die wissenschaftliche und publizistische Arbeit von Friedrich Engels so wirkungsvoll machte, war die enge Verknüpfung von Empirie mit Theoriearbeit. Dazu kam eine Lust auf eine radikale Interdisziplinarität, wie wir sie heute kaum noch finden. Studien wie die 1845 publizierte zur »Lage der arbeitenden Klasse in England« waren eine Form qualitativ-empirischer Soziologie, wie sie leider selten geworden ist. Dabei wäre so eine Form der Zeitanalyse in Phasen des gesellschaftlichen Umbruchs von zentraler Bedeutung. Die empirische Basis im Zusammenspiel mit den theoretischen Analysen machte die Kraft der wissenschaftlichen Arbeit von Karl Marx und Friedrich Engels aus. Es entstand eine polit-ökonomische Analyse, die für historisch-soziale und ökonomische Zusammenhänge nach ähnlichen Gesetzlichkeiten suchte wie die, an denen sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts die boomenden Natur- und Technikwissenschaften orientierten. Dieser »historische Materialismus« schoss in seinem Objektivierungs-Anspruch über das Ziel hinaus, wie wir heute wissen. Aber er war von dem tiefen Wunsch geprägt, aktuelle gesellschaftliche Phänomene zu durchdringen und sich diesen interdisziplinär zu stellen. Sowohl qualitativ-empirische Untersuchungen als auch Disziplinen-übergreifende Theoriearbeit sind heute in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eher auf dem Rückzug. Die Kritik an der heutigen Ausrichtung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wird jedoch immer lauter. Aufgeklärte Wirtschaftsstudierende, die »Economists4Future« oder die Vertreter einer »Öffentlichen Soziologie« verbindet der Ruf nach einer Sozialwissenschaft, die Orientierungswissen für Gesellschaften im Umbruch schafft. Der Geist einer Wissenschaft, die Zeitanalyse und politische Relevanz miteinander verbindet, hat daher im Vergleich zur Mitte des 19. Jahrhunderts nichts an Relevanz verloren.“

 

Nachdem Engels nun seiner Klauen gestutzt wurde, wird „erklärt“, was Engels letztlich aus bürgerlicher Sicht auszeichnete. Und wir hätten es wissen müssen. Wenn ein bürgerlicher Professor über einen der wichtigsten Theoretiker der letzten zwei Jahrunderte schreibt, dann sieht dieser natürlich nur die trockene, tote Theorie statt des lebhaften, praktischen Kampfes. Demnach wäre das Besondere und schätzenswerte an Engels nicht sein Klassenkämpferischer Geist, nicht seine Liebe und Treue zu den tiefsten und breitesten Massen und nicht seine Unerbittlichkeit gegen jede Form von verweichlichtem Reformismus (man erinnere an Engels Kampf gegen den Revisionismus in der II. Internationale nach Marx Tod), sondern – seine „qualitativ-empirische Untersuchungen“. Als hätte Engels lebtags doziert und nicht gekämpft.

Nicht die Verknüpfung von Theorie und Praxis, also Engels theoretische Arbeit für den Klassenkampf, dessen Ideen er wieder aus der praktischen Teilnahme am Klassenkampf schöpfte (Engels kämpfte bekanntermaßen an der Waffe für die deutsche Revolution), sondern nur seine abstrakten Ideen seien erstens Erinnernswert und zweitens lediglich von akdamischen Nutzen.

Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ ist ein Meistergültiges Beispiel theoretischer Arbeit unter praktischer Bezugnahme. Nicht jedoch, wie der Autor meint, als trockene Mustervorlage für bürgerliche Theorie, sondern weil das erste mal theoretisch greifbar das Elend der arbeitenden Klasse wissenschaftlich aufgenommen, verarbeitetet und Stellung, Partei dazu bezogen wurde. Denn Engels ging es nicht darum in den bürgerlichen akdamemischen Diskurs einzusteigen um sich mit einer herausragenden Arbeit ein gutdotiertes Pöstchen zu verschaffen, sondern seine Arbeit stand ganz zweifelsfrei im Dienste der Überwindung des Elends der Arbeiterklasse, was seine gesamte Arbeit zur genüge in Wort und Tat beweist und jedem Leser dieser Schrift deutlich wird. Was die bürgerlichen Akademiker also versuchen ist Engels Theorie jede radikale Bissigkeit und vor allem Anwendbarkeit für die Praxis zu nehmen und seine Schriften zu zahmen gut lesbaren, aber für das praktische Leben irrelevante Theorie abzutun, oder zumindest nur unter methodologischen Gesichtspunkten ernstzunehmen.

Zuletzt seien noch die haltlosen Behauptungen des Autors hinsichtlich der Philosophie angemerkt. Der Historische Materialismus sei „in seinem Objektivierungs-Anspruch über das Ziel hinaus“ geschossen, wie wir alle wüssten. Nur – wo? Dass der historische Materialismus die Folge der Anwendung des Dialektischen Materialismus (marxistische Philosophie) auf die Menschheitsgeschichte ist, und die marxistische Philosophie noch nirgends ernsthaft widerlegt wurde, obwohl zahlreiche große Denker (Kautsky, Bernstein, Mach, uvm.) es versuchten aber scheiterten, lässt den einzigen Schluss zu, dass hier seitens Schneidewind eine infame und absolut unbegründete Behauptung als Tatsache ausgestellt wird und mithin unwissenschaftlich ist. Denn unbewiesenes als Fakt auszugeben ist grob besagt betrug. Und bei einem so wissenschaftlichen Akademiker wie Schneidewind, der einzig die Wissenschaftlichkeit bei Engels lobt und gelten lässt, selbst aber schmerzlichst vermissen die eigenen wissenschaftlichen Ansprüche und Standards auf seine eigenen Thesen anzuwenden, diskreditiert ihn selbst als bürgerlichen Akademiker.

 

III

 

Systemkritik aus der bürgerlichen Herzkammer. Ein weiteres Phänomen der Wirkgeschichte Friedrich Engels ist von überraschend hoher aktueller Relevanz: die Kraft einer Systemkritik, die aus der bürgerlichen Herzkammer des Systems kommt. Friedrich Engels wurde am 28. November 1820 als Sohn eines vermögenden bergischen Industriellen geboren. Sein tiefer Einblick in die Zusammenhänge und Spielregeln des Unternehmertums seiner Zeit, seine herausragende Bildung, seine Sprachkompetenz, seine ökonomischen Ressourcen: All das entsprang seiner bürgerlichen Herkunft aus einer führenden (Wuppertal)-Barmer Textilfabrikanten-Familie. Es war die Grundlage dafür, sowohl theoretisch als auch politisch praktisch wirken zu können. Heute gilt gleiches für die charismatischen und zumeist hochgebildeten Stimmen der Fridays-for-Future-Bewegung, aber letztlich auch für die (ökologische) Systemkritik der Grünen, deren Wählergruppen überwiegend aus den gebildeten und wohlhabenden Milieus kommen. Die katholische Kirche mit der päpstlichen Enzyklika Laudato Si (2015) reiht sich in die Stimmen der Systemkritik derzeit genauso ein wie der Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Die Systemkritik gewinnt zunehmend an bürgerlicher Kraft. Die Kritik an den ökologischen und sozialen Verwerfungen der modernen globalen Ökonomie ist bei den aktuellen Bewegungen ähnlich klar wie einst bei Friedrich Engels. Sie haben aber den klassenkämpferischen Elan verloren. Sie wissen vielmehr um die Notwendigkeit eines »radikalen inkrementellen Wandels« (Maja Göpel).“ Damit ist ein Wandel der vielen kleinen Weiterentwicklungen des Wirtschaftssystems gemeint, die in ihrer Summe am Ende doch zu einem radikalen Umbau in ökologischer und sozialer Hinsicht führen: von einer ökologischen Steuerpolitik, dem konkreten infrastrukturellen Umbau der Städte, der selektiven Neuorganisation von Eigentumsverhältnissen in Bereichen der Daseinsvorsorge, der Kraft von zivilgesellschaftlichen Bewegungen, von Vorreiter-Unternehmen und urbanen Laboren, von einer neuen Kultur der Genügsamkeit. Die »Große Transformation« ist kein revolutionäres Projekt im Sinne von Marx und Engels mehr. Sie entsteht durch das Zusammenwirken vieler Einzelbausteine, getragen durch vielfältige »Change Agents« und flankiert durch eine dazu passende Politik. Deswegen erklärt der Grünenvorsitzende Robert Habeck, dass »radikaler Wandel keine Koalitionen scheuen sollte und insbesondere mit und nicht gegen den Rechtsstaat erfolgen muss«. Letztlich werden bürgerliche schwarz-grüne Bündnisse damit zum neuen Motor für den systemischen Wandel erklärt. Was damit als Parallele zu Engels bleibt: Die bürgerliche Selbsttransformation ist der Motor für die Systemveränderung.“

 

Eine Systemkritik aus der bürgerlichen Herzkammer also. Es stimmt, dass Engels Vater Fabrikant war und wollte, dass Engels das Unternehmen des Vaters übernahm. Ignoriert wird jedoch, dass Engels sich bewusst gegen dieses Leben entschieden hat und vielmehr zu den tiefsten und breitesten Massen ging. Im Elendsviertel die liebe seines Lebens, Marry Burns, kennenlernte und bis zum Tode mit ihr blieb. Erst spät kehrt Engels in die väterliche Fabrik zurück. Doch hauptsächlich um Marx zu finanzieren. Und unter Anbetracht all der Texte die Engels als „Fabrikant“ geschrieben hat, steht er bis heute und bis zu seinem Tode als schillerndster Kämpfer gegen Revisionismus, Reformismus und weichgespültem Revolutionarismus dar. Nie hat er seine Ideale verkauft und die aller meißte Zeit seines Lebens lebte er unter den Massen, lebte, arbeitete und kämpfte mit ihnen. Das Leben Engels zusammengefasst lässt keinesfalls den Schluss zu, dass Engels Systemkritik (Kapitalismuskritik) aus der bürgerlichen Herzkammer stammte. Denn dieser drehte er bereits früh den Rücken zu. Sondern seine Kapitalismuskritik entstammt der Arbeiterklasse, dem Proletariat. Sie entstammt den Erfahrungen aus den Elendsvierteln und entstammt den darausfolgenden theoretischen Schlussfolgerungen.

Zugleich die absurde Gleichstellung von Fridays-for-future und Engels Wirken zeigt einträchtig, wie fern jeder praktischen Realität der Autor ist, und wenig wenig er von Marxismus versteht. Während Fridays-for-future größtenteils kleinbürgerliche Massen anzieht und reformistische Forderungen prägt, ging es Engels um das Ablegen seiner Kleinbürgerlichen Haltung und dem Verschmerlzen mit der proletarischen Klasse. Nichts liegt also ferner, als diese beiden Klassen in Vergleich zu setzen. Engels entfloh dem Bürgertum, legte all seine Kleinbürgerlichen Attitüden ab und begab sich freiwillig, diszipliniert und kämpferisch in das Beben des proletarischen Klassenkampfes. Das alleine genügt um die absurden Behauptungen eines Schiedewind zu widerlegen.

Das Bürgertum gewinnt außerdem nicht an Kraft, und es entwickelt auch keine „Systemkritik“. Das Bürgertum, und mit ihr all die Grünen Parteien Europa- und Weltweit sind Systemkonformer denn je und bieten keine nachhaltige Kritik an den Verhältnisse, geschweige denn irgend eines praktischen Veruches die „Systemkritik“ in die Praxis umzusetzen. Vielmehr begibt man sich auf jeden Posten der Macht und Geld verspricht, und macht noch jede Schandtat mit. Ein Blick nach Baden-Württemberg unter Winfried Kretschmar zeigt einträchtig, wessen Geistes Kind die Grünen sind und in wessen Klasseninteressen sie handeln. Sie lügen wenn sie sagen, dass sie Systemkritik machen. Das ist eine unumstößliche Wahrheit.

 

IV

 

Neue Labors für den radikalen inkrementellen Wandel. Was folgt aus der Erkenntnis, dass das Zusammenspiel von Wissenschaft, Zeitanalyse und Politik nichts an Aktualität verloren hat, der Systemwechsel aber als radikaler inkrementeller Wandel gedacht werden muss? Experimentierorte gewinnen an Bedeutung, in denen dieses Zusammenspiel erprobt und vorangetrieben wird. Gerade Großstädte sind solche »Reallabore«. Hier ist es möglich, konkretes Engagement und Erfahrungen vor Ort mit Theoriearbeit von Wissenschaft zu verbinden: bei Zukunftsentwürfen für das zukünftige Wohnen und Leben in der Stadt, beim Nachdenken über neuen urbanen Wohlstand genauso wie bei der Energie- oder Verkehrswende in Städten. Dafür braucht es Orte, an denen sich Politik, Wissenschaft, Kultur und Stadtgesellschaft in neuer Form miteinander verknüpfen. »Seitenwechsel« von Personen von der einen in die andere Sphäre können dabei hilfreich sein. In Engels Geburtsstadt Wuppertal, die ihren berühmtesten Sohn in diesem Corona-Jahr vornehmlich via Internet feiern konnte, sind dafür in den letzten Jahren viele Grundlagen gelegt worden, die es weiter auszubauen gilt. Sich Friedrich Engels als Vorbild zu nehmen, heißt daher, auch seinen Geburtsort zu einem solchen Experimentierort für die Transformation zu machen – und damit an seine Tradition als Transformationshauptstadt anzuknüpfen, die auf die industriellen Ursprünge Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgeht. All das sind Gründe, warum eine Skulptur des »Jungen Engels« durchaus auch in das Amtszimmer eines grün-schwarzen Oberbürgermeisters gehört.“

 

Was ist nun in Schlussfolge das Fazit unsere bürgerlichen „Marxisten“? Dass man sich an Engels ein Beispiel nehmen könne, und irgendwie rumexperimentieren solle. Frei drauf los. Mit der Wissenschaft die Gesellschaft ergründen. Freilich ohne „dogmatisch“ Grundsätze, oder gar Parteiisch. Nein, aus purer Freude an der Wissenschaft – experimentieren. Von Klassenkampf und dem ganzen Sozialismus hingegen die Finger lassen. Das ist ja auch nicht Engels vernünftige Seite. Sondern sich ein Vorbild an der empirischen Sozialforschung nehmen.

So macht man Engels für das Bürgertum tauglich, so beschmutzt man sein Erbe, so belügt man die Massen, und so versucht man den Klassenkampf zu befrieden. Aber Friedrich Engels ist unser Engels. Er ist einer der Vordenker der proletarischen Revolution. Und er gilt all jenen als leuchtendes Beispiel, die nicht trockene und harmlose Versatzstücke aus seinem Leben herausklauben, sondern denjenigen, die sich an Engels orientieren um die Verhältnisse zu verändern, die Arbeiterklasse zu befreien und den Kapitalismus, bzw. Imperialismus zu beerdigen. Wir sind die Totengräber des Kapitals. Und unter anderem Engels reichte uns dazu das Werkzeug.

 

Gegen bürgerliche Geschichtsverdrehung: Lenin schreibt über Engels

 

Der bürgerliche Autor Schneidewind konnte widerlegt werden. Er hat versucht Engels in eine gute und eine schlechte Hälfte zu trennen, aus Engels Historie alle radikalen Ansichten und Praxen zu klauben. Während sich unser bürgerlicher Autor nur mit vollmundigen Worten um sich schlägt und keinerlei Praxis im Klassenkampf aufweist, sollten vielmehr diejenigen sprechen, die nicht nur Engels studierten, sondern seine Theorie auch in der Praxis anwandten und bewiesen.

Lenin war großer Anhänger von Engels Theorie und wusste um seine Wichtigkeit des Marxismus. Zum Tode von Engels hat Lenin ein herausragendes Nachwort auf dessen Leben geschrieben. In Auszügen soll es hier wiedergegeben werden und den Kontrast zur bürgerlichen Lesart Engels bieten, und der bürgerlichen Ideologie die proletarische entgegenzustellen.

 

Marx und Engels wiesen als erste nach, daß die Arbeiterklasse mit ihren Forderungen ein notwendiges Produkt der modernen Wirtschaftsordnung ist, die mit der Bourgeoisie zwangsläufig auch das Proletariat erzeugt und organisiert; sie zeigten, daß nicht wohlgemeinte Versuche einzelner edelgesinnter Persönlichkeiten, sondern der Klassenkampf des organisierten Proletariats die Menschheit von den Drangsalen erlösen wird, die sie heute bedrücken. Marx und Engels haben in ihren wissenschaftlichen Arbeiten als erste klargestellt, daß der Sozialismus kein Hirngespinst von Träumern ist, sondern Endziel und notwendiges Resultat der Entwicklung der Produktivkräfte in der modemen Gesellschaft. Alle geschriebene Geschichte war bis heute eine Geschichte von Klassenkämpfen, worin jeweils eine Gesellschaftsklasse über die andere Herrschaft und Sieg gewann. Und das wird so lange dauern, bis die Grundlagen des Klassenkampfs und der Klassenherrschaft verschwinden: das Privateigentum und die regellose gesellschaftliche Produktion. Die Interessen des Proletariats fordern die Vernichtung dieser Grundlagen, und daher muß der bewußte Klassenkampf der organisierten Arbeiter gegen sie gerichtet werden. Jeder Klassenkampf aber ist ein politischer Kampf. (…) Die Verdienste von Marx und Engels um die Arbeiterklasse lassen sich in wenigen Worten so zusammenfassen: sie erzogen die Arbeiterklasse zu Selbsterkenntnis und Selbstbewußtsein und setzten an die Stelle von Träumereien die Wissenschaft. (…) Engels lernte es kennen in England, in Manchester, dem Zentrum der englischen Industrie, wohin er 1842 übersiedelte, um als Angestellter in das Handelshaus einzutreten, dessen Teilhaber sein Vater war. Engels verbrachte hier seine Zeit nicht nur im Fabrikbüro – er durchwanderte die schmutzigen Stadtviertel, wo die Arbeiter hausten, und sah mit eigenen Augen ihr Elend und ihre Not. Aber er begnügte sich nicht mit persönlichen Beobachtungen; er las alles, was vor ihm über die Lage der englischen Arbeiterklasse geschrieben worden war, und studierte sorgfältig alle ihm zugänglichen amtlichen Dokumente. Die Frucht dieser Studien und Beobachtungen war das 1845 erschienene Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Wir haben oben bereits erwähnt, worin das Hauptverdienst von Engels als dem Verfasser der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ besteht. Auch vor Engels hatten sehr viele die Leiden des Proletariats geschildert und auf die Notwendigkeit hingewiesen, ihm zu helfen. Engels aber hat als erster gesagt, daß das Proletariat nicht nur eine leidende Klasse ist; daß gerade die schmachvolle wirtschaftliche Lage, in der sich das Proletariat befindet, es unaufhaltsam vorwärtstreibt, und es zwingt, für seine endgültige Befreiung zu kämpfen. Das kämpfende Proletariat aber werde sich selbst helfen. Die politische Bewegung der Arbeiterklasse werde die Arbeiter unvermeidlich zu der Erkenntnis führen, daß es für sie keinen anderen Ausweg gibt als den Sozialismus. Anderseits werde der Sozialismus nur dann eine Macht sein, wenn er zum Ziel des politischen Kampfes der Arbeiterklasse geworden ist. Das sind die Grundgedanken des Buches von Engels über die Lage der Arbeiterklasse in England, Gedanken, die sich heute das gesamte denkende und kämpfende Proletariat zu eigen gemacht hat, die aber damals völlig neu waren. [Das Buch war also mitnichten lediglich eine empirische Forschung, sondern eine Analyse und Anleitung zum Handeln, anm. d. Autors]. (…) Engels nahm an dem bewaffneten Volksaufstand [von 1848, anm. d. Autors] teil, kämpfte in drei Gefechten für die Freiheit und flüchtete nach der Niederlage der Aufständischen über die Schweiz nach London. (…) Ewiges Gedenken dem großen Kämpfer und Lehrer des Proletariats, Friedrich Engels!“ (Lenin, „Friedrich Engels“)