Wenige Kilometer vom Bremer Mercedes-Werk entfernt, wo sich ungefähr zeitgleich die Stammbelegschaft versammelte, gingen gestern Mittag am von der IG Metall ausgerufenen „Aktionstag Automobilindustrie“ Schätzungen zufolge zwischen 400 und 500 Arbeiter diverser Zulieferer-Firmen im Gewerbepark Hansalinie, einem eigens für die Produktion auf dem Werk in den letzten zwei Jahrzehnten an der Autobahn 1 hochgezogenen Gebiet mit mehreren Tausend Beschäftigten in der „just-in-time-Anlieferung“ bzw. Kontraktlogistik, gemeinsam auf die Straße. Diese verhältnismäßig starke und übergreifende Mobilisierung markiert die vermutlich größte organisierte Aktion der unteren Schicht des Proletariats in der Stadt in mindestens diesem Jahrzehnt. West- und Ostafrikaner, Polen, Araber, Afghanen und Russen dominierten den eindrucksvollen kurzen Aufmarsch derjenigen, die vom Daimler-Monopol innerhalb Deutschlands am stärksten ausgebeutet werden. Gestartet vor den Toren der Lear-Fabrik, wo im Schichtbetrieb unter Schweiß die Autositze für das Werk hergestellt werden, mit Teilnahme der benachbarten Kollegen von pfenning, die einen Großteil des Produktionsmaterials zwischen Hansalinie und Werk und innerhalb des Werks mit LKW transportieren, und von Seifert, die für die Sortierung und Transportvorbereitung von Produktionsteilen zuständig sind,sowie weiterer „Automotive“-Firmen wie Wagon in starker Besetzung, Valeo und Würfel, erhielt die Aktion weitere solidarische Unterstützung von unter anderem einigen Aktiven von besser gestellten Betrieben wie Airbus, ArcelorMittal (Stahlwerke), dem Werk selbst und Gestra – letztere hatten in jüngerer Vergangenheit erfolgreich um den Erhalt ihres Standortes gekämpft.

Zwar war letzten Endes ein vergleichsweise nicht sonderlich großer Teil der Kollegen aus diesen Betrieben auf den Straßen (die Mercedes-Stammbelegschaft in Bremen mobilisierte z.B. zeitgleich 3000 Kollegen gegen die Erpressungspläne der Konzernführung – Abschaffung der 35-Stunden-Woche oder zwei Werksschließungen) und bspw. die Logistikarbeiter auf dem Werk selbst wurden nicht zu ihresgleichen in die Hansalinie mobilisiert, und – doch es zeigt sich, dass es Effekt hat, wenn die immer mehr geschwächte IG Metall notgedrungen auf Bundesebene beschließt, ausnahmsweise auch die deutlich weniger durch den imperialistischen Extraprofit bestochenen Teile des Industrieproletariats zu mobilisieren; für einen Moment waren die „Unsichtbaren“ sichtbar und auf sehr niedriger Ebene vereint.
Das führte gleich zu weitreichender Aufmerksamkeit auch bei der Bourgeoisie; auf der Bühne bei der Abschlusskundgebung irgendwo im Nirgendwo machte die lokale Gewerkschaftsführung dem sozialdemokratischen Bürgermeister – wie sonst bei den Aktionen in den Betrieben mit besser gestellter Belegschaft üblich – den Hof. Andreas Bovenschulte, Schirmherr der diesjährigen Feierlichkeiten zur Annektion der DDR und zuletzt mit einem in den sozialen Medien verspotteten Peinlich-Auftritt mit Gitarre in den Blocks von Tenever bei den „Singenden Balkonen“ in Erscheinung getreten, versuchte einmal mehr den Massen aus der Nähe zu zeigen, wie weit er von ihnen weg ist. Ein Kommentar im Publikum war beispielsweise „Guckt euch sein Gesicht an, den juckt das doch gar nicht hier. Ich wette, der weiß morgen nicht mehr, was er hier gerade erzählt hat“. Bovenschulte hatte den Arbeitern zu sagen, dass eine Schließung des Werks am Ende keine Frage der Politik, sondern der Wirtschaft sei, aber dass die Stadt Bremen sich natürlich für Investitionen und den Ausbau des Ausbeutungskomplexes „Hansalinie“ einsetze, woraufhin die Gewerkschaftsführung einen „extra starken Applaus“ forderte. Es liegt wohl einer der Irrelevanz des Mannes geschuldeten Unwissenheit der Mehrheit der migrantischen Arbeiter, wer er überhaupt ist, zugrunde, dass „Bovi“ nicht ausgebuht wurde. Mochte die Bühne an diesem Tag wieder mal ihm gehören – er stand oben im Schutz der Gewerkschaftsbürokratie, unten unter den Arbeitern aber wehte inmitten der Flaggen der gelben Gewerkschaft die Fahne des Roten Bundes.





